Der Extremschwimmer André Wiersig hat als erster Deutscher alle sieben Meerengen – die „Ocean‘s Seven“ gemeistert – ganz allein, nur mit einer Badehose, Schwimmbrille und Kappe ausgestattet. Was er beim Schwimmen erfahren hat, sind Einblicke und Perspektiven, die den meisten von uns verborgen bleiben. Er selbst bezeichnet sich als „Botschafter der Meere“ und setzt sich dafür ein, ein Bewusstsein für das fragile Ökosystem Meer zu schaffen.
Bevor er das für sich als Auftrag erkannt hat, stand die sportliche Herausforderung im Vordergrund. „Aber man erlebt da draußen Dinge, die einen Perspektivwechsel fordern“, sagt André und genau um diesen Perspektivwechsel soll es gehen, denn er hat viel damit zu tun, wie wir der Natur und den Menschen – also der Welt insgesamt begegnen.
Begegnungen, die prägen
André erzählt von einer Situation, die er noch gut erinnert: „Es war mitten in der Nacht und wer schon mal nachts irgendwo in einem entlegenen Baggersee geschwommen ist, der weiß, wie unheimlich das ist. Im Meer noch einmal verschärfter. Jedenfalls bin ich auf dem Weg durch den Ärmelkanal in eine Plastikplane geschwommen. Mit dem Kopf zuerst und dann hat sich diese Plastikplane um meinen Körper gewickelt. Ich war völlig hilflos und vor allem total schockiert. Wenn ich von Quallen zerstochen werde oder in ein Algenfeld schwimme, dann ist das zwar unangenehm, manchmal auch gefährlich, aber das akzeptiere ich, weil ich Gast im Wasser bin. Ich muss mich anpassen, denn diese Tiere und Pflanzen gehören dorthin. Die Plane definitiv nicht.“
Und bei der Plane ist es eben nicht geblieben. „Wenn man so direkt mit dem Meer konfrontiert ist, dann bekommt man all das mit, von dem wir sonst immer nur lesen oder hören: Plastik, Vermüllung, Überfischung, Klimawandel. Ich erlebe das ganz direkt. Und diese Erlebnisse haben mich verändert, haben eine Transformation angestoßen. Ja, heute schwimme ich immer noch. Zweifellos hat es eine sportliche Komponente. Aber das ist nur das Vehikel, um den Leuten die Perspektive aufzuzeigen, die ich habe. Mir geht es also nicht mehr um neue Rekorde, wahnsinnige Strecken oder was auch immer. Bewusstsein zu schaffen, ist heute die Mission.“
Gast im Meer
André erzählt, dass er sich vom Ozean und seinen Bewohnern gut behandelt fühlt, dass das natürlich aber auch damit zusammenhängt, wie er dem Meer und den Tieren begegnet. „Das versuche ich auch in meinen Vorträgen zu transportieren – wie offen und frei von irgendwelchen Annahmen negativer Art die Tiere uns gegenüber sind. Ich schwimme ja nicht nur für mich, sondern vertrete „den Menschen“, der als Gast im Meer unterwegs ist. Und so ein Hai oder so ein Wal oder was auch immer, hat in der Regel ja noch nie Menschen getroffen.
Erstaunlicherweise sind sie mir gegenüber immer ganz offen. Das ist einfach so toll, dass sie neugierig sind. Ich meine, wir als Menschen stehen allem Neuen ja erst einmal skeptisch gegenüber. Oder sogar mit der Haltung: Am besten erstmal umbringen und dann in Ruhe nachgucken, was es denn war. Und das ist da draußen nicht der Fall. Wenn ich in den Ozean steige, um die Meerengen zu durchschwimmen, dann habe ich mich eben seinen Gesetzen und Regeln anzupassen. Nicht andersherum.

Gast sein – das ist das Stichwort, denn natürlich will ich – da ich selbst ja als Botschafterin der Freundlichkeit unterwegs bin – wissen, wie André darüber denkt. Er antwortet mir, dass er Freundlichkeit als Chance sieht und dass jeder Tag mit diesen Chancen gefüllt ist, indem man freundlich zu den Leuten ist, auch mal das eigene Ego zurückstellt und sich selbst als Teil einer Gemeinschaft sieht.
„Das fängt mit ganz kleinen, einfachen Gesten an. Respekt gehört für mich auch zur Freundlichkeit dazu. Respekt auch Politikern gegenüber, auch vielleicht mal Leuten gegenüber, die gerade anderer Meinung sind oder eine andere Haltung vertreten. Da tun wir alle gut dran. Freundlichkeit ist einfach ein absoluter elementarer Baustein. Und bezogen auf die Ozeane: „Da sind Tiere, die seit Milliarden Jahren da sind und die da auch hingehören. Ich komme zu denen.“
Reale Veränderungen
Wenn André dort im Meer ist, wenn er über Stunden schwimmt, spürt er natürlich auch jede Veränderung. Über die Jahre, die er in offenen Ozeanen unterwegs war, war auch der Wandel des Klimas für ihn Realität. „Der Klimawandel findet statt. Und das bedeutet auch, dass die Meeresströmungen sich verändern. Und dazu gibt es auch die klare Erkenntnis, dass wir Menschen über die Marsoberfläche mehr wissen als über die Strömung in unseren Meeren direkt vor der Haustür.“
Darum ist es für André auch von großer Bedeutung, dass neben dem Einsatz für Klimaneutralität auch Meeresschutzabkommen unterzeichnet werden. Er meint: „Was ich mit absoluter Sicherheit aus meiner direkten Erfahrung sagen kann, ist, dass in ein Gebiet, das – in dem Fall ganz klar von uns Menschen – beschützt wird, sofort das Leben zurückkehrt. Das ist einfach fantastisch, wie das dann aussieht. Das kann man mit bloßem Auge sehen, auch ohne Wissenschaftler zu sein. „Die Korallen kommen zurück, die Biodiversität kehrt zurück – das ist einfach toll.“
Mit einer Mission Teil einer größeren Mission
Darauf, dass das an vielen Orten passieren kann, arbeitet er mit seinen Projekten hin. In ein paar Tagen wird er wieder auf den Seychellen sein, um sich den Herausforderungen des Meeres erneut zu stellen. „Dieses Schwimmen auf den Seychellen ist einfach meine Aufgabe, meine Mission. Das ist kein Projekt, das ist wirklich zu einer Mission geworden. Ich versuche über das, was ich tue, auf diese absolut puristische Art mit dem Meer zusammen zu sein. Und damit die Menschen hier bei uns in Deutschland, aber auch die Menschen vor Ort auf den Seychellen wieder mit dem Ozean in Resonanz zu bringen.
André sagt, dass sich die Leute vom Meer entfernt hätten, dass sie es als selbstverständlich ansehen, als etwas, woraus man sich bedienen kann, in das man irgendwelche Sachen entsorgen kann etc. „Und sie vergessen einfach, dass das Meer ein Organismus ist, von dem wir als Menschen auch abhängig sind. Und dass das Meer auch keine Grenzen, keine Kulturen und dergleichen kennt.“
„Und damit sind wir wieder bei den Chancen“, sagt André. „Die Chance, geopolitisch auf einer anderen Ebene zusammen zu kommen. Die Ozeane gehen uns alle an, egal für welches Land ich spreche, welche Kultur ich vertrete, welche Region ich habe. Und der Ozean eint uns alle. Ich bin mit meinem sportlichen Beitrag Teil dieser Mission.
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