(Essay Teil 2)
Wenn ich dich fragen würde, was du am 11. September 2001 gemacht hast, als die Flugzeuge in die Twin Towers geflogen sind, wahrscheinlich könntest du es sehr präzise sagen. Ähnlich geht es mir mit dem Tsunami, der nach einem Seebeben im Dezember 2004 über 300.000 Menschen das Leben gekostet hat. Ich weiß noch wie heute, wie ich in dem kleinen Ferienapartment saß, auf den Fernseher starrte und mein fieberndes Kind im Arm hielt. Was mir von damals besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Berichterstattung darüber, dass die meisten Tiere es geschafft hatten, sich zu retten, weil sie die Zeichen eher erkannt hatten als die Menschen und dementsprechend gehandelt hatten.
„An diesem Morgen nun rennen die Elefanten auf den Andamanen und Nikobaren tief ins Innere der Inseln, auf Anhöhen und Hügel. Ihr Trompeten tönt aus dem Wald. Affen fliehen, Eidechsen kriechen auf Bäume oder Felsen. Niemandem fällt das seltsame Verhalten der Tiere auf – außer den steinzeitlichen Jägern und Fischern der Inseln.“ (GEO, 2004)
Warum erzähle ich dir diese Geschichte? Ganz einfach: Weil Wahrnehmung die Voraussetzung für Umsicht und gute Entscheidungen ist. Nicht nur bei den Tieren. Und weil diese simple, aber fundamentale Wahrheit es heute so verdammt schwer hat. Wahrnehmung ist offenbar für viele zur Zumutung geworden. Für die, die viel wahrnehmen und – aus anderen Gründen – ebenso wie für die, die sie übergehen.
Wer Spannungen früh spürt und Widersprüche nicht einfach ignoriert, muss in einer Welt, in der so viele Informationen gleichzeitig auf ihn einprasseln, zwangsläufig überfordert sein. Und wer über einen längeren Zeitraum überfordert und gestresst ist, wird auf Dauer krank. Dass das so ist, lässt sich anhand der Daten, die Jahr für Jahr erhoben werden, ablesen: Die Kurve, die die Anzahl der Tage aufzeigt, in denen Arbeitnehmer aufgrund psychischer Belastungen krank gemeldet waren, steigt seit 1997 stetig an. Das liegt nicht nur an der Wahrnehmung, zunehmender Druck spielt auch eine Rolle. Aber es kommt viel zusammen und zu viel zu spüren, ist ein Teil davon.
Die andere Seite der Medaille ist, dass jene, die wahrnehmen, in unserer Leistungsgesellschaft schnell als empfindlich, kompliziert oder ineffizient abgestempelt werden. Sensibilität passt schlecht in Systeme, die auf Beschleunigung, Vereinfachung und klare Zuständigkeiten angewiesen sind. Sie stört Abläufe, verzögert Entscheidungen. Und sie macht das sichtbar, was in den Augen derer, die das System vorantreiben, lieber unsichtbar bliebe.
Und auch wenn das gern so gesehen wird: Wahrnehmung ist keine private Eigenart, sondern sie ist die Grundlage unserer Beziehung zur Welt. Sie entsteht dort, wo Menschen nicht einfach nur Regeln folgen, sondern körperlich, sinnlich oder geistig auf etwas antworten, das sich manchmal auch nicht erklären lässt. Da sind wir sicher an einem Punkt, an dem viele aussteigen und „Esoterik“ rufen. Das ist eine Entwicklung, die sich in unserer aufs Denken ausgerichteten Welt in den letzten Jahren verschärft hat. Feine Wahrnehmungen und Gefühle sind verdächtig. Sie haben auf der Weltbühne, auf der Arbeit, im offiziellen Kontext nichts zu suchen.
Aber was passiert, wenn wir so agieren? Wir berauben uns selbst einer Fähigkeit, die zu unserem Wesen gehört. Und wir ignorieren, dass uns das (ja auch jene, die Wahrnehmungen von sich schieben) müde macht und gleichzeitig lähmt: Erschöpfung entsteht nämlich genau dann, wenn diese Antwortfähigkeit (nichts anderes ist Wahrnehmung) ins Leere läuft. Wenn Wahrnehmung keine Resonanz mehr findet, sondern abgewehrt, delegiert oder funktionalisiert wird. Und wir berauben uns unserer Entscheidungsfähigkeit. Auch der Entscheidungsfähigkeit, rechtzeitig Grenzen zu setzen. Wer nicht mehr wahrnimmt, ist das perfekte Opfer für Manipulation.
Und damit kommen wir zu dem Wesentlichen: Gesellschaften brauchen Menschen, die irritiert sind, wenn etwas nicht mehr stimmig ist. Menschen, die Spannungen nicht ausblenden können. Menschen, die ihren Wahrnehmungen trauen. Die andere warnen, wenn Gefahr droht.
Je stärker Wahrnehmung als Störung gilt, desto höher wird der Preis, den wir zahlen. Entscheidungen werden technischer, Beziehungen funktionaler, Sprache flacher. Selbstregulation löst das Problem nicht, ebenso wenig wie Druck von außen. Um noch einmal auf Merz zu kommen: Nicht das Individuum kann sich aus dieser Klammer lösen. Was wir benötigen, ist ein Rahmen, sind gemeinsame Räume, in denen Wahrnehmung ernst genommen wird. Räume, in denen nicht sofort entschieden, bewertet oder optimiert werden muss. Räume, in denen Müdigkeit verstanden und nicht moralisch aufgeladen wird.
Neben der Erschöpfung gibt es noch eine weitere Ebene. Ich will sie mit einer persönlichen Geschichte erläutern. Ich war ein Kind, das stets wusste, wenn Veränderung oder Verärgerung in der Luft lagen. Manchmal konnte ich nicht so richtig ausdrücken, was genau in mir passierte, aber ich nahm es wahr, wenn Gespräche kippten, Stimmungen sich verschoben oder Entscheidungen längst getroffen waren, während nach außen noch so getan wurde, als sei alles offen.
Lange habe ich tatsächlich geglaubt, dass mit dieser Wahrnehmung etwas nicht stimmt oder anders: dass mit mir etwas nicht stimmt. Mir wurde ja gesagt, es sei alles in Ordnung, nur fühlte sich das in mir nicht so an.
Das, was ich hier beschreibe, ist sowohl ein persönliches als auch ein kollektives Thema. Wir Deutschen sind Meister darin, die echten Gefühle, das, was uns wirklich bewegt oder beschäftigt, unter den Teppich zu kehren.
Leider ist das eine Eigenschaft, die dazu führt, dass man den Kontakt zu sich selbst verliert. Nicht, weil wir nichts mehr spüren, sondern weil wir gelernt haben, dem eigenen Spüren weniger Gewicht zu geben als dem, was von anderen als objektiv oder gesichert bezeichnet wird oder als autorisiert daherkommt.
Was wir selbst wahrnehmen, erscheint uns dann zu vage, zu subjektiv, zu unzuverlässig. Also wird es zurückgestellt. Und irgendwann delegiert. So entsteht im schlimmsten Fall blinder Gehorsam. Der muss gar nicht so dramatische Auswirkungen haben, wie derzeit in den USA, aber es ist schon so, dass in Zeiten großer Verunsicherung das Misstrauen einem selbst gegenüber kein harmloser Vorgang ist.
Wenn innere Orientierung fehlt, wächst die Sehnsucht nach äußerer. Und es mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen, aber es ist kein Zufall, dass in solchen Zeiten auch Weissagungen Konjunktur haben. Astrologische Deutungen, Zukunftsversprechen, spirituelle Heilslehren bieten etwas, das vielen fehlt: das Gefühl, dass jemand benennen kann, was in der Luft liegt. Dass jemand einen Zusammenhang herstellt zwischen dem diffusen Unbehagen und der Frage, wie es weitergeht.
Das Bedürfnis dahinter ist absolut verständlich. Wie geschrieben, spüren Menschen sehr wohl, dass etwas nicht stimmt, dass sich etwas verschiebt, dass Erklärungen nicht mehr tragen. Was verloren gegangen ist, ist weniger die Wahrnehmung selbst als das Vertrauen in sie.
Dabei ist Wahrnehmung eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Sie bedeutet nicht, Antworten zu haben. Sie bedeutet, feine Signale zu registrieren: Spannungen, Übergänge, Brüche. Wahrnehmung arbeitet nicht linear. Sie liefert keine Anweisungen. Sie sagt nicht, was zu tun ist. Sie zeigt nur, dass etwas in Bewegung ist. Und genau das macht sie unbequem.
Wer seiner Wahrnehmung traut, kann sich nicht mehr so leicht beruhigen lassen. Er spürt, wenn Entscheidungen an der Oberfläche bleiben, wenn Tempo über Richtung gestellt wird, wenn Sicherheit behauptet wird, wo Unsicherheit längst spürbar ist. Für Systeme, die auf Funktionieren angewiesen sind, ist das störend. Also wird Wahrnehmung kleingeredet, rationalisiert oder ins Private abgeschoben.
Das Auslagern der eigenen Wahrnehmung hat jedoch einen Preis. Wer sie dauerhaft anderen überlässt, verliert nicht nur Orientierung, sondern Autonomie. Er wird anfällig für einfache Deutungen und absolute Wahrheiten. Nicht aus Leichtgläubigkeit, sondern aus dem verständlichen Wunsch nach Halt.
Vielleicht geht es also weniger darum, neue Antworten zu finden, als eine alte Fähigkeit zurückzuholen. Sich wieder zu erlauben, dem eigenen Spüren Gewicht zu geben, ohne es zu überhöhen und ohne es absolut zu setzen. Wahrnehmung braucht keine Bestätigung von außen, um gültig zu sein. Sie braucht Raum.
Wenn wir beginnen, unserer eigenen Wahrnehmung wieder zu trauen, müssen wir nicht alles glauben, was andere über die Zukunft sagen. Wir können aushalten, dass nicht alles klar ist. Dass Übergänge unsicher sind. Dass Orientierung nicht immer von außen kommt. Vielleicht ist das keine einfache Lösung. Aber es ist eine selbstbestimmte.
Dort, wo Wahrnehmung keinen Platz mehr hat, fehlt nicht nur Energie. Dort fehlt Orientierung. Und vielleicht liegt genau hier die Leerstelle, auf die Erschöpfung verweist – noch bevor sich die Frage stellt, was uns künftig Sinn geben könnte.
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