Es ist Frühlingsanfang, die Knospen an den Bäumen und Sträuchern platzen auf und die Frühblüher betupfen die Erde mit Farbe. Was verborgen war, wird sichtbar.
In diesem Frühjahr offenbar auf vielen Ebenen.
Eigentlich wollte ich einen Text über ein wirklich wunderbares Buch schreiben. Ildiko von Kürthy hat es geschrieben und es heißt „Alt genug“. Aber seit gestern hat sich etwas in den Vordergrund geschoben, das ich nicht ignorieren kann. Es geht um das, was Collien Fernandes (vormals Ulmen) in die Öffentlichkeit gebracht hat.
Die Geschichte ist so unfassbar, so unglaublich und doch passiert sie jeden Tag. Nicht nur in Deutschland. Wer immer noch glaubt, dass Epstein, Pelicot oder jetzt offenbar Ulmen Einzelphänomene sind, der irrt.
Frauenfeindlichkeit und Missbrauch von Frauen haben System. Nicht erst seit gestern, nicht erst seit Jahrzehnten, sondern seit Jahrhunderten. Und wenn du dich jetzt abwendest und denkst: „Ach komm, das ist doch alles nicht so schlimm“, dann bist du Teil des Problems.
Frauen werden von Kindheit an sexualisiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein Freund der Familie meinen ersten Brustansatz kommentierte. Ich werde nicht vergessen, wie es war, als Zehnjährige gegen meinen Willen von einem alten Mann umarmt und geküsst zu werden. Ich werde nie vergessen, wie ich beim Zahnarzt saß und der Arzt mir in einem Moment, als keine Schwester im Raum war, an die Brust gefasst hat.
Ich verschone dich mit weiteren Schilderungen. Wenn du eine Leserin bist, weißt du ohnehin, worum es hier geht. Ich kenne keine, wirklich keine einzige Frau, die nicht irgendwann in ihrem Leben von einem Mann erniedrigt, belästigt oder im schlimmsten Fall sogar vergewaltigt oder missbraucht wurde.
Und ich kenne auch ebenso viele Frauen, die sich dafür ein Leben lang schämen oder es relativieren. Aus Angst, aus Scham, aus dem Gefühl heraus, beschmutzt worden zu sein.
Und es macht mich so wütend.
Und es reicht.
Und da hilft auch kein Frühling.
Was mich besonders betroffen macht, ist übrigens, dass viele jetzt fordern, man müsste Mädchen stärken.
NEIN.
Damit verschiebt man einmal mehr die Verantwortung. Sie liegt nicht bei den Mädchen und Frauen. Sie liegt bei den Männern. Wenn ein Mädchen von einem Mann angemacht wird, dann ist er derjenige, der allein die Verantwortung für sein Handeln trägt.
Ich begreife nicht, was daran so schwer zu verstehen ist. Und ich begreife noch weniger, warum viele Frauen das immer wieder relativieren.
Und ich will dich eigentlich nicht mit Wut im Bauch in diesen wunderbaren Tag und den Frühling entlassen. Aber vielleicht ist es Zeit für diese Wut, damit sich endlich etwas ändert. Wir – egal ob Mann oder Frau – müssen uns dafür einsetzen, dass nur ein Ja ein Ja ist.
Und wir dürfen nicht mehr wegschauen. Uns nicht wegducken, wenn wir Zeug*innen werden.
Frühling heißt auch Aufbruch.
Vielleicht ist dieser ja ein Aufbruch in eine bessere Welt für uns alle.
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Diesen Text habe ich heute als Newsletter verschickt und ich füge hier Antwort die Antwort von Vaja Marcone an. Vaja hat 2014 ihren Sohn Giuseppe verloren, der Opfer einer Hetzjagd wurde. Seither setzt sie sich mit unterschiedlichen Projekten engagiert für Gewaltfreiheit ein. Vaja schreibt:
„Danke für Deinen Beitrag zu diesemThema. Ich habe 3 Jungs groß gezogen und weiß, wie es ist, ihnen die Verantwortung in die HÄNDE ZU LEGEN….eigentlich für alles, was sie tun. Für viele Mädchen waren sie „zu nett“, für einen guten Freund ja super, aber als Partner empfanden sie sie als „zu schwach“. Sie waren der Traum vieler Schwiegermütter, aber nicht für deren Töchter. Für sie waren sie nicht „macho“ genug. Weil ihnen ihre Mütter nicht beigebracht hatten, dass genau in diesem, sich auf Augenhöhe begegnen, die wahre Stärke liegt.
„Und ich begreife noch weniger, warum viele Frauen das immer wieder relativieren.“…weil sie es für Liebe und Stärke halten. Weil sie Jahrhunderte lang und auch heute noch dahin erzogen werden, sie müssen einem Mann gefallen, indem sie super sexy sind und sich ihm unterwerfen, damit er sich ja bloß für sie entscheidet. Selbst Frauen sexualisieren andere Frauen, vor allem wenn sie hübsch sind und als Gefahr für sich selbst empfunden werden oder es gar um ihre Söhne geht. Wie oft lästern Frauen im negativen Sinn über andere Frauen und das oft im Beisein der Kinder.
Es muss in beiden Richtungen was passieren.
Hat man uns jemals beigebracht, uns erst als Mensch zu begegnen und dann erst als Mann und Frau?Gegenseitiger Respekt, wo immer wir uns begegnen, das müssen wir unseren Kindern beibringen. „
Bitte unterzeichnet diese Petition: https://innn.it/ja


