Blüte Magaritte

Reifes Handeln

Die Lektüre der Biografie von Virginia Roberts Giuffre, die Opfer von Jeffrey Epstein war, hat mich auf ein Thema gebracht, das ich für ungemein wichtig halte. Das, was Giuffre und die anderen Opfer bis heute nicht bekommen haben, ist ein Eingeständnis der Schuld derer, die moralisch klar schuldig waren. Ich trenne das bewusst von der juristischen Schuld, denn die habe nicht ich, sondern Gerichte zu beurteilen.

Moralisch für die eigenen Fehler geradezustehen und Opfern damit die Chance zur Heilung zu geben, scheint für viele Menschen die größte Hürde überhaupt zu sein. Noch größer, als jede Schandtat. Das gilt längst nicht nur für die Verbrecher, die das Leid vieler junger Mädchen zu verantworten haben. Wir brauchen uns nur umzuschauen und sehen tagtäglich Leute, die es nicht fertigbringen, das eigene Versagen ehrlich zu benennen. Die nicht sagen können:

Ich habe mich geirrt.
Es war ein Fehler.
Das, was ich getan habe, war Unrecht.

Dabei klingen die Sätze an sich so unspektakulär. Fast klein. Und vielleicht liegt darin schon das erste Problem. Kleinheit passt wohl nicht in eine Zeit, in der alle selbstsicher und kompetent wirken wollen.  Also werden Fehler umgedeutet, geleugnet oder mit spontan auftretenden Gedächtnislücken versteckt. Wir erinnern uns: Als im Zusammenhang mit Cum-Ex immer wieder nachgefragt wurde, was genau erinnert wird und was nicht, antwortete Olaf Scholz, dass er sich nicht erinnern könne. Vielleicht ist das juristisch korrekt. Aber der Schaden, den er damit angerichtet hat, ist immens: Er hat Vertrauen in die Politik verspielt. 

Oder nehmen wir Jens Spahn. Ich kann mich nicht erinnern, dass er ein einziges Mal gesagt hat: Das war nicht gut, das würde ich heute anders machen. Oder Boris Johnson, der seiner Nation das Feiern verbot und selbst der größte Partyhopper war. Monatelang hat er das bestritten.

Ich schreibe das hier nicht, um mit dem Finger auf die Spahns dieser Welt zu zeigen. Ich war auch schon in Situationen, in denen ich mich gewunden habe, nur um mir und anderen nicht einzugestehen, dass ich falsch lag. Das passiert uns allen mal, aber es scheint, dass wir eine Kultur geschaffen haben, die Fehlereingeständnisse unmöglich macht.

Eine offene Fehlerkultur enthält zwei Elemente, die einander bedingen:

1. Menschen sind in der Lage, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.
2. Irrtum muss möglich sein, ohne dass die Existenz infrage steht.

Wenn Schuld von dem, der sie zu verantworten hat, nicht benannt wird, wirkt die Tat weiter. Egal, ob es einen juristischen Schuldspruch gibt oder einen finanziellen Ausgleich. Wer den Fehler begangen hat, bürdet dem Opfer damit noch mehr Last auf, denn es ist immer das Opfer, das sich (manchmal ein Leben lang) damit auseinandersetzen muss. Manche Opfer glauben sogar, selbst einen Anteil an dem Geschehnis zu haben, denn auch das ist ein Trick von Verursachern: Das Abwälzen der Schuld.

Im Kleinen wie im Großen gilt: Wenn Fehler nicht benannt werden, entsteht eine Schieflage. In Familien, in Institutionen, in Staaten. Die Folge ist Vertrauensverlust. Vertrauen erodiert nicht durch den Irrtum oder den Fehler selbst, sondern durch das Ausweichen danach.

Und damit sind wir an einem Punkt, den ich im Hinblick auf unsere Zukunft für wichtig erachte. Ich habe ja schon des Öfteren darüber geschrieben, dass die Entwicklung, die wir gerade erleben, nicht zuletzt auch dadurch geprägt ist, wie wir uns selbst als Menschen sehen. 

Was hast Du für ein Menschenbild? Glaubst Du an das Gute im Menschen? Oder denkst Du, dass sowieso alle Schurken sind? Wenn Du zur Fraktion „alles Schurken“ gehörst, dann überprüfe mal, woher diese Ansicht kommt. Ich wette, es hängt mit Menschen zusammen, die dich enttäuscht haben. Vor allem auch, weil sie nicht Mann oder Frau genug waren, das zuzugeben.

Und nun fassen wir uns an die eigene Nase.

Wann hast Du das letzte Mal gesagt, dass Dir etwas leid tut? Wann hast Du einen Fehler eingestanden? Wie geschrieben: Das fällt nicht leicht, weil es genau ins Zentrum trifft: in unser Selbstbild. Dort hinein, wo eingraviert steht, wer ich sein will oder wie ich gesehen werden möchte.

Wenn man falsch lag oder weiß, dass man Unrecht getan hat, fühlt es sich manchmal an, als würde ein Stückchen vom Selbst abbröckeln. Darum verteidigen wir manches so heftig. Nicht wegen der Sache. Sondern wegen uns selbst. Aber Verdrängen schützt nicht. Es konserviert. Es bindet Energie. Nicht nur beim Opfer, sondern auch bei uns. 

Schauen wir, wie man das auflösen kann:

Zunächst hilft es, die Sache vom Ich zu trennen: Ja, ich habe etwas falsch gemacht. Aber ich bin nicht falsch. Ja, mir ist ein Fehler passiert, aber ich bin kein Fehler. Das ist keine Selbstberuhigung. Es ist eine Voraussetzung für Verantwortung. Nur wer sich selbst nicht vollständig vernichten muss, wenn er irrt, kann ehrlich hinschauen. Ein Fehler ist dann nicht mehr das Urteil über den eigenen Wert, sondern eine Information. Eine Rückmeldung der Realität.

Im nächsten Schritt wird es konkret. Dann benennt man den Fehler: Und sagt zum Beispiel: Hier habe ich falsch entschieden. 

Und jetzt kommt in meinen Augen der wichtigste Schritt. Übrigens der, den manche Menschen nicht gehen können, weil ihnen die Empathie dafür fehlt.

Man benennt die Folgen und entschuldigt sich.

Mit diesen drei Schritten können Dämme brechen. Erinnerst Du Dich an den Kniefall von Willi Brandt? Am 7. Dezember 1970 ging Brandt bei einem Staatsbesuch in Polen vor einem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos auf die Knie. Diese kraftvolle Geste, mit der er gleichzeitig Schuld eingestand und um Vergebung bat, hat niemanden zurückgebracht. Aber sie hat den Hinterbliebenen etwas gegeben, was sie von da an in den Herzen tragen konnten. Solche Gesten machen nicht gut, was geschehen ist. Sie entlasten auch nicht im juristischen Sinne. Aber sie unterbrechen eine Spirale, die ansonsten in einem allgemeinen Vertrauensverlust (alles Schurken) endet. Einige Überlebende und Angehörige haben damals gesagt, dass der Kniefall ihnen nicht nur Kraft gegeben hat, sondern auch das Tor zum Verzeihen geöffnet hat. Im Spiegel schrieb der Autor Hermann Schreiber:

„Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.“

Das bringt mich zu dem Schluss, dass reifes, verantwortungsvolles Handeln nicht nur im 1:1 Kontext wirkt, sondern über zwei Menschen hinausgeht. Und das ist etwas, das wir sowohl im persönlichen Umfeld als auch im gesellschaftlichen Kontext dringend brauchen.

Menschen und Demokratien gedeihen dort, wo die Handelnden in Verantwortung gehen. Sie müssen nicht perfekt sein, das können sie gar nicht. Aber sie müssen reif genug sein, Irrtümer zu tragen und wissen, dass ein Eingeständnis von Fehlern nicht der Anfang vom Ende ist, sondern der Anfang von Vertrauen.

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