Heute Morgen beim Laufen kam mir ein interessanter Gedanke. Was, wenn der Abstieg der FDP ein Vorzeichen für das Ende des Ultraliberalismus‘ ist? Und wenn wir den USA damit in der Entwicklung voraus sind?
Solange ich denken kann, hieß es in meinem Umfeld immer: Was in Amerika modern ist, schwappt erst ein paar Jahre später nach Deutschland. Als Jane Fonda schon längst zu Disco-Rhythmen im engen Dress und mit hochtoupierten Haaren Aerobic machte, steckten wir gefühlt noch bei Turnvater Jahn. Schaut man noch weiter zurück, so ist schon im 19. Jahrhundert von der Amerikanisierung Europas durch Amerika die Rede, was ja zweifelsfrei bedeutet, dass die Amis die Nase vorn hatten.
Und nun kommt die FDP und kehrt das um. Gerade wollten sie noch mehr Musk und Milei wagen, nichts ahnend, dass sie nun selbst die Spitze sind, an der sich die Welt ausrichten wird. Der Turbokapitalismus und seine Marktgläubigen haben fertig. Nicht einmal Hamburg, die Stadt der Millionäre und Kaufleute, will sie mehr haben. Kein gelber Balken ziert die Wahltabelle, man findet die FDP nur noch unter Sonstiges hinter Volt.
Was für ein starkes Zeichen.
In all dem Drama, das wir derzeit erleben, symbolisiert die FDP plötzlich Hoffnung. Wer hätte das gedacht. Gerhart Baum vielleicht. Er wusste, dass das, was die Lindner-Partei sich auf die Fahne geschrieben hatte, nicht dem Kern der FDP entsprach. Wie oft hat er gemahnt, erinnert, klug zurückgeschaut. Nun kann er nicht mehr erleben, dass seine Partei der Welt zeigt, wo die Reise hingeht. Ich glaube, sie weiß das auch noch gar nicht, dass sie die Speerspitze einer neuen Ära ist und dass die USA, Argentinien und alle Länder, in denen der entfesselte Markt alles zerstört, was uns Menschen lieb und teuer ist, bald folgen werden.
Noch wundern und staunen wir über Trump und seine Entourage. Über ihre Deal-Gläubigkeit. Ihren Markt-Eskapismus. Aber wie erstaunt werden wir erst sein, wenn sie sich plötzlich marginalisieren, weil das, was sie verkünden, einfach nicht mehr zieht.
Bis vor ein paar Tagen hingen dort, wo Christian Lindner wohnt, noch seine Wahlplakate. Ein bisschen trotzig, ein bisschen traurig. Nun sind sie weg und mit ihnen eine Entwicklung, die etwas Gutes pervertiert hat. Wenn Musk nicht mit Weidel telefoniert, sondern der FDP beim Sterben zugeschaut hätte, wäre ihm vielleicht aufgefallen, was sich da anbahnt. Er hätte erkennen können, dass Germany diesmal first ist, dass wir diesmal im engen Dress zu den Rhythmen des erwachten Sozialdenkens tanzen. Mehr Lindner wagen, heißt unsere Devise. Und die Welt ist herzlich eingeladen, es uns gleichzutun.