Lea Toran Jenner ist eine außergewöhnliche junge Frau. Mit vier Jahren wusste sie, dass sie Zirkusartistin werden wollte. So einen Traum haben viele Kinder, sie wollen Astronaut, Feuerwehrfrau oder Star auf einer Bühne werden. Nur vergessen die meisten ihre Träume, während sie erwachsen werden. Nicht so Lea.
Sie blieb dran. Ging zum Turnen, später zur Sportaerobic. Sie ließ sich auch nicht von all den Stimmen abbringen, die raunten, dass Zirkusartistin doch kein ordentlicher Beruf wäre. Stattdessen startete sie durch. Machte eine Ausbildung in Montreal, bekam ein Engagement beim Cirque du Soleil, später im Pariser Moulin Rouge. Sie gewann Preise, war und ist bei internationalen Shows dabei und wird nicht müde, ihre Follower:innen auf Instagram und TikTok mit in die Zirkuswelt zu nehmen.
Und weil sie für den Zirkus lebt und brennt und gemerkt hat, dass sie mit ihrem Weg andere Menschen inspirieren kann, hat sie zusätzlich eine eigene Show kreiert. Mit „ZIRKUS LEA LIVE“ hat die Artistin ein ungewöhnliches Bühnenformat geschaffen. Meine Tochter und ich waren am 17.10.2026 im Berliner Punch Line Club dabei und haben diesen Abend auf ganz unterschiedliche Art erlebt. Schnell war klar, dass es um viel mehr als um spektakuläre Akrobatik geht. Dass Lea die beherrscht, daran hatte niemand Zweifel. Dieser Abend war aber auf einer anderen Ebene bemerkenswert.
Ich habe die Geschäftspartnerin von Lea, Sina Beranek, die den Abend gemeinsam mit Lea konzipiert und organisiert hat, gefragt, was denn das Ziel war. Man hätte es sich ja „leicht“ machen können und mit Leas atemberaubender Körperbeherrschung und den spektakulären Darbietungen mit dem Cyr-Wheel oder an der Pole Dance Stange das Publikum verzaubern können. Stattdessen ging es um Mut, um die Kraft der eigenen Träume und um die Frage, was wir aus dem Leben anderer für unser eigenes mitnehmen können. Das war eine komplett andere Veranstaltung als ein Zirkusevent. Und damit auch ein Risiko, denn Zuschauer verknüpfen mit den Stars, die sie sehen wollen, Erwartungen.
Aus Fremden wird eine Gemeinschaft
Doch diese hatten sich offenbar für einige schon vor dem eigentlichen Programm erfüllt. Sina Beranek erzählte, dass es vorab schon eine anderthalbstündige Experience gab, bei der 54 junge Menschen in Leas Welt eintauchen konnten. Es waren Kostüme aus verschiedenen Stationen der Karriere ausgestellt, dazu persönliche Erinnerungsstücke. Vor allem aber gab es Gelegenheit, Lea Fragen zu stellen, Geschichten zu hören und miteinander ins Gespräch zu kommen. So etwas erlebt man als Gast eher selten und nicht umsonst waren die Tickets für diesen Teil des Abends innerhalb von 24 Stunden ausverkauft.
ZIRKUS LEA LIVE
Die Show selbst war eine Mischung aus Zirkuskunst, persönlichen Erzählungen, motivierenden Botschaften, Unterhaltung und spielerischen Challenges. Also so gar keine klassische Bühnenshow, sondern ein Abend, der die Gäste auf eine ziemlich emotionale Reise schickte, auf der sich Staunen, Lachen und Nachdenklichkeit abwechselten. Denn was bedeutet es, einen Traum so konsequent zu verfolgen? Wie viel Arbeit, Ausdauer, Enttäuschung und Beharrlichkeit sind nötig, bis aus Träumen Wirklichkeit wird? All das wurde greifbar. Nicht nur, weil die Artistin auf der Bühne stand und über ihr Leben erzählte, sondern weil alle im Saal unweigerlich mit Fragen konfrontiert wurden, die das eigene Leben betrafen.
Von der Show zur Reflexion
Und diese Fragen trafen bei einer 19-Jährigen einen anderen Nerv als bei einer 59-Jährigen.
Wer einer jungen Frau zusieht, die ihren Kindheitstraum mit bemerkenswerter Konsequenz verfolgt hat, wird ziemlich nachdenklich. Meine Tochter erlebte es als aufwühlend, nicht ohne eine gewisse Spannung. Denn einerseits war da das befreiende Gefühl, zu wissen, dass noch so viel möglich ist. Dass Träume noch eine Chance haben.
Andererseits kann die außergewöhnliche Lebensgeschichte eines anderen Menschen auch einen inneren Druck erzeugen und die Frage aufwerfen, warum man nicht selbst so einen großen Traum hat oder verfolgt.
Ich dagegen habe zurück auf mein Leben geschaut, habe Chancen und Möglichkeiten gesehen, die ich nicht genutzt habe. Irrwege, die mich abgelenkt haben oder Wege, die ich zu früh verlassen habe. Ich musste während der gesamten Vorstellung an ein Zitat von Friederike Frey denken: „Ich darf meine Träume nicht fristlos entlassen, ich schulde ihnen noch mein Leben.“
Aber wie meine Tochter sehr weise sagte, darf man bei all dem auch nicht vergessen, dass nicht jeder Mensch DEN einen großen Lebenstraum hat. Manche verwirklichen im Laufe ihres Lebens viele kleine Wünsche, verändern ihre Ziele oder entdecken erst spät, was sie wirklich begeistert. Auch das ist ein gelungenes Leben. Und der Abend war auch nicht dazu da, eine allgemeingültige Antwort darauf zu geben, wie man leben sollte. Vielmehr hat er vermittelt, dass es sich lohnt, immer wieder zu hinterfragen, was einem wirklich wichtig ist, dann danach zu handeln, auch wenn das bedeutet, die Komfortzone zu verlassen.
Eine Frau, die ihren Platz selbst definiert
Für die Frauen im Saal war der Abend noch auf eine andere Art besonders. Denn die Tatsache, dass da eine junge Frau auf der Bühne steht, ihre eigene Geschichte erzählt und selbst bestimmt, wie sie auf der Bühne sichtbar sein will, ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Man mag es kaum glauben, aber Disziplinen wie Pole Dance werden gesellschaftlich leider immer noch von vielen auf ihre erotische Komponente reduziert.
Dass dahinter eine anspruchsvolle artistische und sportliche Kunstform steckt, nehmen viele nicht wahr. Und da tut es gut, dass Lea diese Kunst mit einer Selbstverständlichkeit zeigt, die derlei Interpretationen keinen Raum lässt. Die auch keine Rechtfertigung benötigt. Was sie präsentiert, ist nicht ihr Körper als Objekt, sondern ihr Körper, der unglaubliche Fähigkeiten, Leidenschaft und Können zeigt. Ich war wie im Bann von so viel Anmut, Kraft und Schönheit.
Und gerade für Mädchen und junge Frauen kann darin eine starke Botschaft liegen: Nicht die Zuschreibungen anderer sollten darüber entscheiden, was man ausprobiert, worin man sich verwirklicht oder womit man öffentlich sichtbar wird.
Was von einem solchen Abend bleibt
Natürlich kann eine Zirkusshow keine Lebensentscheidungen abnehmen. Sie kann keine Hindernisse beseitigen und nicht garantieren, dass Beharrlichkeit am Ende zum Erfolg führt. Aber sie kann etwas anstoßen. Sie kann Möglichkeiten sichtbar machen, wo vorher vielleicht Grenzen waren. Und sie kann ermutigen, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er nicht mit Preisen oder Ruhm geschmückt ist, denn letztendlich definiert jeder Mensch für sich, was Glück und Erfolg für ihn bedeuten.
Hier findest Du Lea auf Instagram:
https://www.instagram.com/zirkuslea
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