„Man kann nicht vor sich selbst wegreisen“

Jasmin lebt seit sechs Jahren mit ihrer Familie im Wohnmobil. Aus einem Reiseabenteuer wurde eine innere Suchbewegung und schließlich ein Buch über Selbstverantwortung, Spiritualität und den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Ein Gespräch über Freiheit, Reisen, Alltag im Camper, Heimat, weibliche Energie und die Frage, warum Reisen keine Flucht sein muss.

Wo erwische ich Dich gerade?

Gerade sitzen wir noch in Deutschland im Wohnmobil und erledigen die letzten To-dos, die immer anstehen, wenn wir hier sind. Dinge klären, organisieren, Anliegen abhaken. Und dann geht es wahrscheinlich diese Woche wieder weiter.

Wohin?

Richtung Albanien, über die Balkanroute. Wir sind sehr gespannt. Wir sind schon einmal auf dem Weg nach Griechenland durch Albanien gefahren, konnten das Land damals aber gar nicht richtig bereisen. Es war Sommer, überall gab es Waldbrände. In Bosnien brannte oberhalb unseres Stellplatzes der Berg, in Montenegro sind wir sogar unter dem Löschstrahl der Feuerwehr hindurchgefahren. Das war völlig wild. Am Ende sind wir ziemlich schnell in Griechenland gelandet und haben Albanien eher verpasst. Jetzt wollen wir uns mehr Zeit nehmen.

Dein Buch ist gerade erschienen. Wie fühlt sich die Resonanz für Dich an?

Sehr schön. Und ehrlich gesagt, bin ich erleichtert. Die Resonanz ist sehr positiv, und das bedeutet mir viel, weil ich zum ersten Mal so offen über meine innere Reise geschrieben habe. Früher war mein Account ja eher ein reiner Reiseaccount. Über meine spirituelle Seite habe ich erst im vergangenen Jahr begonnen zu sprechen. Damit wirklich rauszugehen, ist noch relativ neu für mich.

Auch mit der L.I.G.H.T. -Methode war ich nervös. Ich habe sie aus meiner eigenen Erfahrung heraus entwickelt, in Mentorings mit Frauen angewendet und natürlich immer wieder bei mir selbst. Aber sie mit dem Buch öffentlich zu machen, war noch einmal etwas anderes. Umso schöner ist es, dass sie so gut angenommen wird.

Im Buch erzählst Du nicht nur deine eigene Geschichte, sondern leitest daraus immer wieder Gedanken ab, die andere auf ihr Leben übertragen können. War das von Anfang an Dein Ziel?

Ja, unbedingt. Mir war wichtig, dass die Leserinnen und Leser nicht am Ende denken: Schön, sie hat ihren Weg gefunden, aber was hat das mit mir zu tun? Ich wollte nicht einfach nur eine Reisegeschichte erzählen.

Deshalb gibt es diese Zwischenpassagen. Ich wollte zeigen, dass die L.I.G.H.T. -Methode auf viele Lebensbereiche anwendbar ist: Partnerschaft, Familie, Mutterthemen, Kinder, Job, Beziehung zu sich selbst. Mir war auch wichtig zu sagen: Mein Weg ist nicht der Weg für alle. Reisen, auswandern, im Wohnmobil leben – das ist schon extrem. Es geht nicht darum, dass jeder etwas Verrücktes tun muss. Es geht darum, im Kleinen das Eigene zu finden.

Viele Menschen sehen so ein Aufbrechen erst einmal als Flucht. War es das bei Euch auch?

Also ich hatte immer diesen inneren Reisewunsch, das war immer ein Traum. Und dann ist mir selbst bewusst geworden, dass irgendwann jeder Strand schön ist und der nächste auch wieder schön aussieht. Es geht also weniger um das, was im Außen passiert, sondern vielmehr darum, dass es beim Reisen leichter ist, an sich heranzukommen als im Alltag, also als in einem Konstrukt, in dem man ja die ganze Zeit funktioniert.

Ich glaube, der erste Impuls kann schon sein: Ich will raus. Dieses Gefühl kenne ich. Aber auf Reisen merkt man eben sehr schnell, dass man nicht vor sich selbst weglaufen kann. Wie gesagt, man kommt sich selbst zwangsläufig näher als im normalen Alltag.

Woran liegt das?

Im Alltag funktioniert man. Da sind die Kinder, Kita, Schule, Job, Haushalt. Da bleibt wenig Raum, wirklich auf sich selbst zu schauen. Wenn man aus diesem Konstrukt aussteigt, kann man plötzlich von außen auf das eigene Leben blicken. Man sieht Konflikte, Muster, Themen viel klarer.

Auch in unserer Partnerschaft sind Dinge sichtbar geworden, die wahrscheinlich vorher schon da waren. Aber im Wohnmobil, wo wir ständig zusammen sind, kann man sie nicht wegdrücken. Sie liegen einem plötzlich vor den Füßen. Dann muss man sich damit beschäftigen.

Also eher Konfrontation als Flucht?

Ja. Man nimmt sich selbst ja mit. Und man verliert auch viele äußere Leitplanken. In Deutschland gibt es immer Institutionen, die einem Rückmeldung geben. Ob das die Kita, die Schule ist oder Pädagogen und Lehrer. Auf Reisen fällt vieles davon weg. An der Stelle muss man Selbstvertrauen und Selbstverantwortung entwickeln. Also innerlich davon überzeugt sein, dass der Weg, den man geht, gut ist.

Ich kenne Menschen, die nach einem Jahr wieder zurückgegangen sind, weil sie gemerkt haben: Das ist nicht unser Weg. Und das ist völlig okay. Dieses Leben verlangt viel Reflexion. Das kann sehr anstrengend sein.

Aber ehrlich, man muss nicht so wie wir sechs Jahre unterwegs sein. Wichtiger ist, aus seiner Komfortzone herauszukommen. Das kann auch bei einer längeren Wanderung wie dem Jakobsweg passieren.

Wie sieht Euer Alltag im Wohnmobil aus? Gerade mit Kindern stelle ich mir das sehr herausfordernd vor.

Es gibt Alltag, aber er ist nie gleich. Das ist das Schöne und gleichzeitig Herausfordernde. Wir haben Routinen, aber sie passen sich ständig an: an das Land, das Wetter, die Fahrtage, unsere Arbeit, die Kinder.

Wir frühstücken meistens zusammen, essen auch abends zusammen. Diese Mahlzeiten sind wichtig für uns. Eine der stabilsten Routinen ist seit Beginn die Zu-Bett-Geh-Routine: lesen, runterkommen, schlafen. Gerade als die Kinder klein waren, hat ihnen das viel Halt gegeben.

Seit die Kinder schulpflichtig sind beziehungsweise wir Homeschooling machen, ist auch der Vormittag strukturierter. Um neun beginnen wir meistens mit Schule. Unser Großer ist inzwischen an einer freien Online-Schule, der Kleine startet auch bald. An den anderen Tagen arbeiten sie mit ihren Heften, lesen, schreiben, erledigen Aufgaben. Vieles können sie schon selbstständig.

Und währenddessen arbeitet Ihr?

Genau. Jonas hat vorne im Fahrerhaus sein Büro, die Kinder sitzen hinten, und ich arbeite entweder parallel oder unterstütze sie bei schwierigeren Aufgaben. Aber wenn wir viel fahren, verschiebt sich alles wieder.

Dazu kommen aber auch die ganz praktischen Dinge, die anfallen, wenn man mit einem Camper unterwegs ist: Trinkwasser auffüllen, Grauwasser ablassen, einkaufen. Wir haben keine Speisekammer, keinen großen Kühlschrank, keine Gefriertruhe. Das klingt banal, aber gerade diese Aufgaben strukturieren den Alltag enorm. Nach sechs Jahren ist vieles Routine geworden, aber wir haben sicher zwei Jahre gebraucht, bis wir uns richtig gefunden hatten.

Was war am Anfang besonders schwierig?

Am Anfang war es insgesamt sehr wild, was Jonas und mich wirklich auch gestresst hat. Wir kannten es nicht, dass wir uns ständig absprechen müssen. Wir mussten lernen, uns wirklich über jedes Detail auszutauschen. Früher war er oft zehn Stunden außer Haus, ich war mit den Kindern beschäftigt. Da musste man gar nicht ständig alles koordinieren. Und plötzlich mussten wir alles kommunizieren. Dabei haben wir gemerkt, dass wir das vorher eigentlich gar nicht richtig gelernt hatten. Wenn er ein Meeting hat und ich es nicht weiß, entsteht sofort Konfliktpotenzial. Das war wohl die größte Herausforderung.

Hat sich Dein Begriff von Heimat verändert?

Ja, sehr. Lange war Deutschland für mich noch Heimat. Zu meinen Eltern zu fahren, auf den Hof, auf dem ich groß geworden bin, all das fühlte sich lange nach Nachhausekommen an. Mittlerweile ist das anders.

Wir besuchen Familie und Freunde, die Kinder freuen sich auf Cousins und Cousinen. Aber es ist nicht mehr Heimat. Ich glaube, wir sind gerade an einem Punkt angekommen, an dem wir wissen, dass wir uns irgendwann eine Base im Ausland suchen wollen. Wo das sein wird, wissen wir noch nicht. Aber der Gedanke, dauerhaft nach Deutschland zurückzugehen, fühlt sich im Moment nicht mehr stimmig an.

Hat das auch politische oder gesellschaftliche Gründe?

Ja, auch. Ich entdecke auch aus der Distanz in Deutschland vieles, was gut ist, und ich sehe Menschen, die wach werden, die etwas verändern wollen. Aber gleichzeitig beobachte ich politische Entwicklungen, die mir Sorgen bereiten.

Gerade das starre Schulsystem ist ein Grund, warum ich nicht zurückmöchte. Ich sehe viele Menschen, die laut werden und Veränderung fordern. Aber ich sehe auch, wie langsam sich Dinge bewegen. Für meine Kinder glaube ich nicht, dass sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren genug verändern wird.

Mir ist wichtig, dass sie gute Bildungsabschlüsse machen können. Vielleicht irgendwann einen Realschulabschluss oder Abitur über externe Prüfungen. Aber der Weg dahin muss für uns nicht zwingend über das klassische Schulsystem führen.

Du sprichst im Buch auch offen über Spiritualität. Hattest Du Sorge, damit in die Eso-Ecke gestellt zu werden?

Natürlich. Gerade in Deutschland wird Spiritualität schnell als spooky abgetan. Oder als etwas, das nicht wissenschaftlich genug ist. Ich verstehe diesen kritischen Blick sogar. Gleichzeitig glaube ich, dass wir diese intuitive, spirituelle Seite lange unterdrückt haben.

Für mich hängt das auch mit weiblicher Energie zusammen. Nicht im Sinne von Frauen gegen Männer, sondern als intuitive, weiche, fühlende Kraft, die in allen Menschen existiert. Auch Männer tragen sie in sich, durften sie aber oft nicht leben. Ihnen wurde beigebracht, dass Männer nicht weinen und dass sie stark sein müssen.

Und Frauen?

Frauen mussten, um in dieser Welt sichtbar zu werden, lange sehr stark ihre männliche Energie nach außen tragen: Leistung, Funktionieren, Durchhalten. Das war wichtig, um Gleichberechtigung einzufordern. Aber jetzt merken viele Frauen, dass sie dauerhaft nicht so leben können. Sie brennen aus.

Ich glaube, wir stehen gerade an einem Punkt, an dem männliche und weibliche Energie wieder mehr ins Gleichgewicht kommen müssen. Frauen dürfen intuitiver werden, Männer weicher. Und wir Frauen dürfen aufhören, uns gegenseitig zu bekämpfen. Diese Schwesternschaft, dieser Zusammenhalt, ist unglaublich wichtig.

Du deutest gesellschaftliche Krisen also auch als eine Art kollektiven Heilungsprozess?

Ja. Vieles, was gerade sichtbar wird, war ja vorher schon da. Gewalt, Machtmissbrauch, alte Strukturen, all das entsteht ja nicht erst jetzt oder taucht plötzlich auf. Es kommt halt jetzt ans Licht, das ist der Unterschied. Und natürlich ist das schmerzhaft und bedrohlich. Aber nur was sichtbar ist, kann auch verändert werden.

Ich glaube, dass gerade sehr viel Licht da ist. Viele Menschen werden bewusster, gehen auf die Straße, halten zusammen. Gleichzeitig kommt viel Dunkles an die Oberfläche. Für mich gehört das zusammen. Es ist wie ein Heilungsprozess, individuell und kollektiv.

Zurück zur Reise: Gab es Momente, in denen Du dachtest: Das schaffen wir nicht?

Ja, einige. Eine Panne in Nordspanien zum Beispiel. Oder ein massiver Rostschaden am Wohnmobil, bei dem uns die Werkstatt sagte, es sei eigentlich ein Totalschaden. Finanziell waren wir nicht so aufgestellt, dass wir einfach ein neues Wohnmobil hätten kaufen können. Auch eine Reparatur von 10.000 Euro hätte uns sehr wehgetan.

In solchen Momenten denkt man erst einmal: Das war’s. Aber im Nachhinein waren gerade diese Situationen wichtig, weil sie mir Vertrauen ins Leben zurückgegeben haben. Wenn ich auf meinem richtigen Weg bin, finden sich Lösungen. Das heißt nicht, dass keine Steine im Weg liegen. Aber sie lassen sich bewegen.

Du würdest also sagen: Auch die schlimmsten Situationen hatten im Rückblick einen Sinn?

Ja. Nicht immer sofort, aber im Nachhinein. Sie haben mir gezeigt, dass Fehler oder Krisen nicht automatisch schlecht sind. Sie zeigen uns oft, was nicht passt, was nicht unser Weg ist oder wo wir wachsen dürfen. Das ist unglaublich wertvoll.

Gibt es einen Ort, der für Dich besonders wichtig geworden ist?

Ja, Mont-Saint-Michel in Frankreich. Nicht direkt das Bauwerk selbst, sondern ein Stellplatz etwas entfernt davon. Wir standen dort auf einer Wiese mit Blick auf Mont-Saint-Michel und hatten einen wunderschönen Strand in der Nähe. Die Energie war unglaublich. Dort habe ich auch die Zusage für mein Buch bekommen und angefangen zu schreiben.

Außerdem Lappland. Der Norden macht sehr viel mit mir, vor allem oberhalb des Polarkreises. Die Landschaft, die Samen, die Rentiere – das berührt mich jedes Mal tief. Ich muss dort oft weinen, ohne genau erklären zu können, warum. Auch Griechenland hat mir energetisch sehr viel gegeben.

Jasmin in Mont-Saint-Michel @JMittag83
Was ist die Kernbotschaft Deines Buches?

Dass wir Selbstverantwortung übernehmen und unser eigenes Ding finden dürfen. Nicht im Außen suchen, was richtig ist. Nicht nur nach den lauten Stimmen gehen. Sondern wieder fühlen: Was ist für mich wahr? Was erfüllt mich wirklich?

Ich glaube, wenn mehr Menschen anfangen würden, ihr inneres Licht nach außen zu tragen, würde sich auch kollektiv sehr viel verändern.

Ist das für Dich auch eine Antwort auf KI?

Vielleicht ja. Ich habe die Hoffnung, dass KI uns irgendwann Dinge abnehmen kann, die reine Beschäftigung oder Überlebensarbeit sind. Jobs, die Menschen nur machen, um Miete zu zahlen. Natürlich weiß ich nicht, wie das alles aussehen wird. Aber ich hoffe, dass wir als Menschheit dadurch wieder mehr Raum bekommen für das, was uns wirklich Freude bereitet.

Wenn Menschen mit Dir arbeiten möchten: Was bietest du an?

Ich biete Mentorings an, außerdem Kurse und bald auch ein Wochenend-Retreat. Meine Website ist noch im Aufbau, deshalb läuft gerade vieles über Instagram. Dort kann man mir schreiben, dort teile ich auch meine Angebote und meinen Newsletter. Die L.I.G.H.T. -Methode ist eine Grundlage meiner Arbeit, aber ich mache auch Energiearbeit.

Homepage: https://trustandbreathe.com/
Instagram: https://www.instagram.com/trust.and.breathe/ 
YouTube: https://www.youtube.com/@trustandbreathe

Das Buch „Trust & Breathe – Mein Aufbruch in ein freies Leben“ von Jasmin Mittag ist am 11.03.2026 im Irisiana Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

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