Kunst in unseren Privaträumen

Drei bis viermal im Jahr öffnen mein Mann und ich unsere Privaträume, um einem Künstler/einer Künstlerin die Gelegenheit zu geben, die eigenen Werke auszustellen. Diese Events sind immer etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen der privaten Atmosphäre, sondern auch, weil Kunst so auf eine ganz andere Art und Weise wahrgenommen wird und zur Geltung kommt. Am 20. Mai 2017 stellte die Künstlerin Claudia Sawallisch die Werke ihrer Reihe Ambassadress & heads of mission aus. Hier die Laudatio, verfasst von Jeannette Hagen

 

Kurz nachdem ich die Einladungen zu diesem Event verschickt hatte, bekam ich folgende Rückmeldung. „Liebe Jeannette, diesmal kommen wir nicht. Engel sind nicht so unser Ding.“ Ich musste schmunzeln und dachte sofort an den Film „Der Himmel über Berlin“. An all den Jubel und die Häme. Geschmäcker sind eben verschieden.

„Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde?“

Es gibt wohl kaum einen Satz in der Filmgeschichte, der das Mysterium des Lebens so genial spiegelt. Allein dafür hat der Film all seine Preise verdient. Und es ist ein Engel, der diesen Satz sagt. Ein Engel, der sich der Liebe wegen für das irdische Leben entscheidet. Der das Leben in all seinen Facetten erfahren will. Die Liebe und das Leid. Die Freude und den Schmerz. Und die Verletzlichkeit.

Achtung. Jetzt wird es ein wenig esoterisch. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es das größte Missverständnis der gesamten Menschheitsgeschichte, dass wir uns von den Himmelsboten als etwas Getrenntes begreifen. Dass wir gelernt haben, dass wir die Schuld und nur sie die Göttlichkeit repräsentieren. Der Autor Neale Donald Walsch hat einmal gesagt: „Die Seele hat nur einen Wunsch: Sie möchte ihren großartigsten Begriff von sich selbst in ihre großartigste Erfahrung verwandeln.“ Ist das nicht himmlisch? Und wäre die Welt nicht eine andere, wenn wir diese Botschaft annehmen könnten?

Wann immer ich Claudias Arbeiten gesehen habe, waren sie für mich eine Erinnerung. Stets aufs neue ein initialer Weckruf, der Seele zu folgen. Die Flügel, die mir wachsen, wann immer ich mutig bin, auszubreiten, um Erfahrungen einzufangen. Was nun, wenn nichts Geringeres als unsere Seelen die eigentlichen Himmelsboten sind? Bereit, den eigenen Kern zu entdecken und in anderen das Licht zu wecken? Was, wenn wir nur hier sind, um jeden Tag aufs Neue unsere eigene Göttlichkeit zu erkennen? Uns als Teil des Ganzen zu begreifen?

„Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war?“

Vielleicht ist ja alles ganz anders. Vielleicht haben wir einfach nur vergessen.

Es fällt heutzutage nicht leicht, der Erkenntnis Raum zu geben, dass es einer neuen Denkweise bedarf, um die Welt zu verändern. Wir, die wir hier stehen, wissen alle, dass es so nicht weitergehen kann. Dass uns der Glaube an einen richtenden Gott und an romantische Engel in die Irre führt. „Engel sind nicht unser Ding.“

Und trotzdem geht es um Glauben. Um den Glauben an das Mysterium, an unsere eigene Göttlichkeit. Er würde den Wandel bringen. Denn wenn ich mich und du mich, wenn wir uns als verletzlich erkennen würden, welchen Antrieb hätten wir dann noch, uns zu bekämpfen? Wäre es dann nicht schön, gemeinsam zu fliegen?

Dafür braucht es Mut. Es braucht Ruhe, Annahme und Versöhnung, um sich dieser Sicht zu öffnen. Claudias Bilder und Skulpturen sind ein Wegweiser. Sie erzählen von unseren Abstürzen, aber auch davon, wie es gelingen kann, wieder aufzustehen. Und sie erzählen davon, wie wichtig es ist, loszulassen. Oder, um es mit Rilke zu sagen:

„Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt.“

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